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EINZIGARTIGE AUSSTELLUNG ZU TIBET IN ESSEN

Klöster öffnen ihre Schatzkammern

Im Brennpunkt stehen Tibet und seine nahezu unbekannten Klosterschätze. Gezeigt werden eine Vielzahl von bis zu 1500 Jahre alten religiösen Kunstwerken aus den Schatzkammern tibetischer Klöster, die größtenteils das Land niemals zuvor verlassen haben - und präsentiert mit dieser Weltpremiere ein einzigartiges Ausstellungsereignis.

Stehender Buddha Shakyamuni, Kaschmir, 7./8. Jh. n. Chr., Kupferlegierung, feuervergoldet, Bemalung mit Kaltgold und Farben, Höhe: 63,0 cm, Breite: 25,0 cm, Tiefe: 20,0 cm, Tibet Museum, Lhasa

© Villa Hügel

Stehender Buddha Shakyamuni, Kaschmir, 7./8. Jh. n. Chr., Tibet Museum, Lhasa

In den letzten Jahren war im Rahmen zahlreicher Ausstellungen in Europa tibetische Kunst aus westlichen Sammlungen zu sehen; zwei große Schauen wie "Tesori del Tibet" in Mailand (1994) und "Tibet - Treasures from the Roof of the World" in Santa Ana (2003) - die als Wanderausstellung bis 2005 durch die USA reiste - waren auch mit Schätzen aus den Sammlungen in und um Lhasa bestückt. Doch noch nie wurden religiöse Kultgegenstände aus verschiedenen tibetischen Klöstern und einem Provinzmuseum in Zentraltibet, also aus Sammlungen außerhalb der Hauptstadt Lhasa, in einer Ausstellung gezeigt. Neben dem Potala-Palast in Lhasa, dem ehemaligen Sommerpalast der Dalai Lamas - Norbulingka -, dem Tibet Museum und dem Yarlung Museum in Tsethang gehören die Klöster Sakya, Tashi Lhünpo, Palkhor Chöde in Gyantse, Shalu und Mindröling zu den wichtigsten Leihgebern der Villa Hügel.

Rund 150 Exponate - von lebensgroßen Skulpturen über Gemälde und vielgestaltige Mandalas bis hin zu Schreinen, Tempeldekor und Altargerät - sind nun in Essen eingetroffen. Feuervergoldete Figuren, minutiös gemalte oder gestickte Rollbilder, seidenapplizierte Wandbehänge, edelsteinbesetztes Altargerät, illuminierte Manuskripte mit kunstvoll geschnitzten Buchdeckeln und kostbare Schreine zeigen in vielfältigsten Formen und Symbolen immer wieder Buddhas, Bodhisattvas, Lehrmeister, Meditations- und Schutzgottheiten sowie Himmelswandlerinnen. Sie sind von herausragender ästhetischer Beschaffenheit und beeindrucken durch ihre Pracht. Das älteste Stück in der Ausstellung ist auf das Jahr 473 n. Chr. datiert: ein sitzender, knapp 30 cm hoher Buddha Shakyamuni aus Bronze. Die jüngsten Exponate wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts angefertigt. Einen Schwerpunkt - und ganz gewiss auch einen der Höhepunkte - der Ausstellung bildet eine an Lebendigkeit und Vollkommenheit gleichermaßen unübertreffliche Skulpturengruppe: zehn annähernd lebensgroße, ins frühe 16. Jahrhundert datierte Porträts von Meistern der Sakya-Schule. Weitere Glanzpunkte sind eine große Skulptur des Tausendarmigen Avalokiteshvara, Bodhisattva des unermesslichen Mitgefühls, ein außergewöhnlich gut erhaltenes indisches illuminiertes Manuskript aus dem 11. Jahrhundert sowie die zum farbenprächtigen textilen Rollbilder, sogenannte Thangkas. All diese Arbeiten wurden von meist anonym gebliebenen Künstlern nicht nur im Land selbst geschaffen, sondern haben ihren Ursprung zum Teil auch in Indien, Nepal, Burma, Kaschmir und China - Regionen, zu denen Tibet rege Beziehungen unterhielt.

Alle drei Religionen besaßen bis vor etwa zweitausend Jahren keine Gottesbilder in menschlicher Gestalt. Erst durch das Entstehen des Theismus und der «Bhakti»-Frömmigkeit, die den Hinduismus und den Buddhismus grundlegend veränderten, blühte in Indien der Bilderkult auf. Diese neue Frömmigkeit übte die liebende Hingabe an einen persönlichen, auf die Welt einwirkenden Gott, der im Kultbild gegenwärtig ist, und erstrebte schließlich das Einswerden mit ihm. Dahinter stand die ebenfalls neue Idee der Gnade des persönlichen Gottes, durch die der Mensch aus dem unendlichen Kreislauf der Wiedergeburten ausbrechen kann, um zur Erlösung zu gelangen. Die bisherigen Heilswege der Tat (karma) und der Erkenntnis (bodhi) standen nur einer kleinen Elite offen, der großen Menge aber waren sie verschlossen.

Rad der Lehre, Tibet, 18.-19. Jh., Gold, getrieben, graviert und gepunzt, Höhe: 24,2 cm, Breite: 13,7 cm, Potala, Lhasa

© Villa Hügel

Rad der Lehre, Tibet, 18.-19. Jh., Potala, Lhasa

So wird die stilistische Bandbreite der Kunst in Tibet erfahrbar. Zugleich gibt die Villa Hügel mit diesem Projekt einen Einblick in die buddhistische Kultur der Tibeter. Um beiden Blickwinkeln und damit auch der außergewöhnlichen Großzügigkeit der Leihgeber Rechnung zu tragen, heißt die Ausstellung "Tibet - Klöster öffnen ihre Schatzkammern". Dieser Titel bezieht sich nämlich nicht nur in der wörtlichen Bedeutung auf den Wert und die Schönheit der Kunstschätze, sondern auch im übertragenen Sinn auf die dargestellten Figuren als Objekte der Zuflucht, die in der Sutra-Tradition als "Kostbarkeiten" oder "Juwelen" bezeichnet werden. Durch die Präsentation der sichtbaren Preziosen sollen auch die unsichtbaren, spirituellen Aspekte dieser "Juwelen" ins Licht gerückt werden.

Die tibetische Kunstgeschichte ist untrennbar verbunden mit der geistig-religiösen Geschichte dieses Landes auf dem "Dach der Welt", dessen Name für die rational geprägte westliche Gesellschaft den Zauber einer magischen Formel ausstrahlt und als Symbol geheimen Wissens um Sinn und Ziel des Daseins gilt. Mit gutem Grund: In wohl kaum einem anderen Land der Erde ist die Überzeugung von der Richtigkeit und seelischen Wirksamkeit des Glaubens über Zeitläufe hinweg so tief und konstant im Bewusstsein ihrer Bewohner verwurzelt und so bestimmend für ihr Leben wie in Tibet. Der Buddhismus ist die Substanz tibetischer Identität, und jegliches Kunstschaffen war immer Ausdruck dieser Haltung.

Die Exponate dienen auch heute noch in den Klöstern Tibets als Ritual- und Kultobjekte und werden von Laien und Klerus gleichermaßen verehrt. Der Gläubige, der über die dargestellten Buddhas und Gottheiten meditiert, strebt danach, grenzenloses Mitgefühl gegenüber allen Lebewesen zu entwickeln und seine eigene Buddha-Natur zu erfahren. So gelten alle Kunstwerke als wertvolle Helfer auf dem Weg zur Erleuchtung. Damit präsentiert die Ausstellung nicht nur Kunstschätze von hohem Wert und exotischer Schönheit, sondern auch das kulturelle und geistige Gut eines selbstbewussten Volkes.

Das besondere Verdienst der Ausstellung ist es, die Kenntnis tibetischer Kunst, die bislang in erster Linie auf Stücken aus westlichen Privatsammlungen basierte, um den Blick auf die in Tibet verbliebenen Werke zu erweitern und so ihren spirituellen Hintergrund zu erhellen. Außerdem wurde wissenschaftliche Pionierarbeit geleistet: Viele der gezeigten Stücke waren bislang unpubliziert und wurden erstmals einer ausführlichen wissenschaftlichen Bearbeitung unterzogen. Sie wurden erfasst, entziffert, chronologisch eingeordnet und interpretiert - ein Prozess, der dem Schutz einmaliger Kunstschätze und damit auch der Pflege eines bedeutsamen kulturellen Erbes dient.

Ausstellung der Kulturstiftung Ruhr in der Villa Hügel, 45133 Essen vom 19. August bis 26. November 2006 (www.villahuegel.de). Die Staatlichen Museen zu Berlin planen eine anschließende Übernahme.

Ein 680 Seiten umfassender, reich bebildeter Katalog dokumentiert die Schau in der Villa Hügel. Er beginnt mit einem Essay-Teil, in dem renommierte Wissenschaftler aus Europa, Tibet und Amerika eine Einführung in die tibetischen Kunst und Kultur des Landes geben. Im eigentlichen Katalogteil sind die Objekte nach der Ikonographie und Funktion der Kunstwerke analog zur Ausstellung in fünf große Themenbereiche gegliedert. Die Katalogbeiträge sind im Wesentlichen ein Gemeinschaftswerk des wissenschaftlichen Arbeitsteams aus den Fächern Tibetologie, Indologie, der südasiatischen und ostasiatischen Kunstgeschichte sowie der Buddhismuskunde.

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